SinnerSchrader

Websites · 18. September 2008

So ganz taufrisch ist der Relaunch von SinnerSchrader nicht mehr und dennoch eine bemerkenswerte kreative Blüte, die viele kontroverse Reaktionen hervorruft(e). Die Hamburger Agentur betreut Kunden wie TUI, Deutsche Bank, OTTO, comdirect oder simyo und gilt zurecht als Größe auf nationalen Parkett. Vielleicht sind auch daher manche Reaktionen überhöhten Ansprüchen oder deutscher Tadel-Tradition geschuldet. Im Design Tagebuch ergoß sich viel Kritik über den Einsatz von Flash (ohne Angabe von Gründen dieser Technik-Verteufelung), die Linklisten-Bauart oder über vermeintliche Effekthascherei. Empörung gibt es auch von Usability Predigern. Inwieweit die Kritik berechtigt ist, sei dahingestellt, Fakt ist, hier wurde gemäß dem eigenen Claim eine radikale Beziehung zum Webseitenbesucher kreiert.

Wieso radikal? Nun man kommt wortwörtlich zu den Wurzeln zurück, anstelle einer gewohnten Werkschau mit Screenshot-Gallerien erhält man bei SinnerSchrader unter Referenzen eine Art Fake-Browser. Ähnlich der inzwischen antik wirkenden Frame-Lösung oder gebrandeten Browsern (AOL, freenet …) darf man die Referenz live in voller Aktion mit zusätzlichen hauseigenen Branding begutachten. Das funktioniert einwandfrei bis hin zum Online-Banking, wirkt aber mehr als gewöhnungsbedürftig bis hin zu „aufwandsfrei“ – und es ist, nicht zu vergessen, abhängig von der Technik und dem Code von Dritten. Von der technischen und gestalterischen Seite ergeben sich hier und da Ungereimtheiten wie eine Mehrfach-Darstellung des Logos unter Pressemitteilungen oder dem versuchten Einsatz von Short-URLs, der allerdings nur #link anzeigt, disfunktional ist und ein Bookmarking von Unterseiten unmöglich macht. Zugute halten muss man der Seite neben der optisch ansprechenden, individuellen Startseite eine gute und valide Umsetzung auf Seiten der HTML/JavaScript Programmierung.

Die bemerkenswerte „Schrulle“ oder auch ein Konzept der Seite ist die Querverlinkung zu unzähligen Web2.0 Diensten, die einem jeden oder hier auch einer Agentur das Leben leichter machen können. So findet man die Visionen des Unternehmens in einer slideshare Unterseite wieder oder die Jobangebote als Textbild bei flickr. Das ist radikal anders, radikal Web2.0-ig und radikal „zeitgeistig“ – wie man die Begriffe besetzen mag, bleibt jedem allein überlassen.

Für die Gestaltung und Konzeption der Seite zeigt sich das Hamburger Studio blackbeltmonkey um Mike John Otto verantwortlich. Dies spricht für Verstand und Talent bei der Umsetzung und wenn man sich vor Augen hält, dass neue Wege immer auch verstörend wirken oder polarisieren, kann man durchaus als Fazit festhalten, dass die Website trotz erwähnter Kinderkrankheiten und Inkonsistenzen als Werbeträger glänzend (farblich schimmernd) funktioniert.

Nachtrag: Zum gelungenen „Web2.0 Overall“ gehört natürlich auch ein hauseigener Blog, der mit „authentischen Einblicken“ die avisierte Unternehmenstransparenz stützen soll. Der gestalterisch reduzierte, technisch leider fehlerbehaftete und von der Ansprache her klar an ein junges Publikum gerichtete Blog enthält durchaus lesenswertes: obligatorische Agentur-News, (so manche stutzig machende) PraktikantInnen Erfahrungen oder auch Geschichten von Mitarbeitern, die feststellen müssen, dass die hauseigene Web2.0 Vision (noch) nicht Hand in Hand mit einer O’Reilly Pflichtlektüre geht.