Was wird aus Posterous?

Diverses · 17. März 2012

Die großen Themen der vergangenen Woche waren der Start von Spotify in Deutschland (ohne GEMA), die Regierungsauflösung in NRW und der iPad Verkaufsstart. Nun Spotify macht einen sehr guten Eindruck und wird sehr wahrscheinlich langfristig ein Zugewinn für alle. Neuwahlen in NRW werden eventuell spannend für die Piraten, letztlich aber aus einer Minderheits- eine Mehrheitsregierung formieren, in Rot-Grün so wie im Landeswappen. Das neue iPad (2.1) wird anfangen, das Web und Interface Design zu verändern, da es in absehbarer Zeit Millionen von Nutzern geben wird, die das Web durch ein unfassbar hochauflösendes Display entdecken und bedienen werden. Eine wirklich überraschende Meldung fiel aber beinahe in dieser Woche unter den Tisch: Twitter kauft Posterous. Warum? Wieso? Weshalb?

Was wird nun aus Posterous? Für Marcel Weiss scheint die Sache einfach und klar: Twitter kauft Posterous, um in erster Linie das Team von Posterous zu bekommen. So ähnlich hat es sich bei Facebook und Gowalla auch verhalten, mit der schillernden Ausnahme von Tim van Damme. Diese Absicht allein anhand des obligatorischen “Willkommen im Team” Blogbeitrags festzumachen, ist allerdings arg spekulativ. Gowalla zum Vergleich war ein Konkurrent zu Facebook Places. Posterous war (vor einigen Jahren) ein Konkurrent von Tumblr. Hier ist nicht der “Friss den Konkurrenten” Aspekt zu erkennen.

Posterous ist etwas anderes. Posterous ist eine 2008 gegründete Microblogging Plattform, die Tumblr nicht nur sehr ähnlich war, sondern auch um 2009 als echte Konkurrenz betrachtet werden konnte. Nicht wenige gaben dem weniger freien und minimalistischen Look von Posterous den Vorzug gegenüber den Kaugummi-Optiken der frühen Tumblr Themes. Es galt als die reifere Plattform. Es löste auch eine Art “Glaubensfrage” aus. Die “Coolness” aus New York City versus die “Smartness” aus Silicon Valley, Design vs. Engineering. Außerdem startete Posterous von Anfang an mit dem damals revolutionär erscheinenden Feature ganz bequem von jedem Gerät über E-Mail zu bloggen.

Tumblr, welches mittlerweile als Pionier der Startup-Szene in New York City gilt, brauchte selbstverständlich nicht lange, um technologisch gleichzuziehen. Wir alle und auch Posterous selbst erkannten, dass dieses Rennen nicht mehr zu gewinnen war. Tumblr wurde mächtiger und mächtiger, das Jahr 2010 wurde zu einem Triumphzug. Posterous versuchte sich 2011 noch neu zu positionieren mit Spaces, was unglücklicherweise durch den Namen an MySpace erinnerte und an deren letzte Neuerfindung einer doch scheidenden Plattform. Das Ergebnis war vermutlich eher negativ, denn damit war die Gegenpositionierung dahin, es war eine Kapitulation. Fans der ersten Stunde, der ersten Jahre wurden damit eher weggetrieben.

Und auch wenn Prominente wie Rainn Wilson noch lange ihr Unwesen auf Posterous trieben, so war das Ende absehbar. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird Twitter das angeschlagene Posterous nicht “fit spritzen”. Auch die Marke wird sehr wahrscheinlich verschwinden. Aber was bleibt? Wo ist der Zugewinn? Wo ist der «Game Plan», wo ist die Agenda von Twitter?

Fakt ist, dass Twitter eine Microblogging Plattform ist, die nur über sehr limitierte multimediale Inhalte verfügt. Fakt ist, dass Posterous eine Microblogging Plattform ist bzw. war, die gerade im Bereich Multimedia ihre Stärken hatte. Eine Liebeshochzeit? Eine Win-Win Situation? Vermutlich ja.

Lange schon bekannt ist, dass Twitter versucht Werbung zu integrieren. Das ist etwas was nicht überrascht. Im Gegenteil, warum hat das solange gedauert? Eine entsprechende Monetarisierung eines so mächtigen Dienstes ist nur fair. Es kann generell auch nicht angehen, dass Startups mit Millionen gesponsort werden, sie aber am Ende nichts abwerfen oder weit von einem Break-even entfernt sind. Foursquare, i’m looking at you!

Ist der Kauf von Posterous jetzt ein weiterer Mosaikstein bei der Suche nach einem Geschäftsmodell von Twitter, so wie Nico Lumma es beschreibt? Absolut, ja! Aber ist das Geschäftsmodell nicht wenigstens in Ansätzen schon gefunden oder zu erkennen? Was macht denn Twitter schon seit einiger Zeit?

Twitter fährt eine “Verdrängungspolitik”. Twitter hatte nämlich in den ersten Jahren ein großes Problem. Millionen von Nutzern, Tendenz exponential steigend, aber miserable Webviews auf twitter.com. Eine Heerschar von Satellitendiensten, Clients und Apps nutzten Twitter aus und wuchsen an der Brust des Mutterschiffs (eine zugegeben bizarre Metapher) zu respektablen Größen heran. Yfrog, twitpic und wie sie alle heißen komplettierten den wachsenden Anspruch der Nutzer, vielfältige Inhalte zu teilen. TweetDeck strotzte vor Funktionen und Komfort und schaffte es bei vielen multimedialen Inhalten, den Browser zu umschiffen. Twitter kaufte TweetDeck 2011 und fuhr es gegen die Wand kastrierte wesentliche Funktionen, um genau die Umschiffung zu vermeiden. Das Ziel: Willst du Twitter nutzen, geh auf die Twitter Website! Das neue, neue twitter.com umarmte und küsste Touch-Devices, lies anfänglich erfolgreiche Funktionen wie Listen und Direkt-Nachrichten in den Hintergrund treten und auch die URL-Shortener von Drittanbietern wurden zurückgedrängt mit eigenen Angeboten. Twitter ist es leid, den großen, leckeren Kuchen mit allen zu teilen.

“If you are not paying for it, you are the product being sold.”

Nun kann Twitter mit Posterous und mehr multimedialen Know-how die Bilder- und Videodienste weiter verdrängen. Das ist klar und wird so auch geschehen. Ebenso wie mehr Werbung auf Twitter erscheinen wird. Die Diskussion darum, ob das gut oder schlecht ist, ist ein wenig fadenscheinig. Twitter ist kein Partisanendienst, keine Untergrundbewegung. Twitter ist ein Unternehmen, ein erfolgreiches und ist mehr oder minder verpflichtet/verdammt dazu, Geld zu verdienen. Das verhält sich bei Facebook kein Stück anders.

Nach der ganzen Schulmeisterei, hier auch ein bisschen diskutable Spekulation. Was wäre, wenn Twitter mit dem Zukauf von Posterous etwas Neues versucht? Wie würde euch ein Twitter der Zukunft gefallen, das “ausklappbare” Tweets hat? Der Tweet als WordPress Excerpt, als angerissener Beitrag, als Teaser. Ist euch nicht aufgefallen, dass es schwer wird zu schauen, was ihr vor ein paar Monaten oder Jahren getweetet habt? Wie wäre es, wenn sich das alles zu einem Blog kondensiert? Eine Art «Twumblr», der ein Archiv hat, eine Suchfunktion und das alles nur als Zugabe zu dem bisherigen. Keine Einschränkungen nur Erweiterungen. Und viele, viele Menschen nutzen Twitter um ihr Leben zu dokumentieren, wo sie sind, was sie machen, was sie lesen, was sie mögen, was sie verabscheuen. Und auch wenn wir in einer schnelllebigen, innovativen Zeit leben und die Twitter Nutzer vornehmlich im Alter von 14-25 zu verorten sind, eine menschliche “Schwäche”, eine Sehnsucht wird immer da sein: der Hang zur Nostalgie, etwas festzuhalten und zu bewahren. Und das, das fehlt Twitter – bei all dem Echtzeit-Glamour – noch gänzlich. Auch fehlt twitter eine Möglichkeit einer “geordneten Diskussion”. Es wirkt wie ein schlechter Scherz, aber gerade in dieser Disziplin ist Google Plus tonangebend.

Stellt euch ein Twitter vor, dass sowohl in Richtung Facebook, als auch in Richtung Tumblr strebt. Viele, allzu viele Freunde bei Facebook werden zu einer Belastung. Viele Follower bei Twitter oder Tumblr wirken wie ein Ritterschlag. Und viele Menschen lehnen Twitter ab, weil man “da doch nur ‘ne SMS schreiben kann”, und bevorzugen eher den nicht an Menge aber an Reichweite reduzierten Austausch im “Freundeskreis”. Denkt mal drüber nach!

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