Hit the Bitch

kampagne · 22. Dezember 2009

Hit the Bitch ist vielleicht eine der Online-Kampagnen, die 2009 am meisten Aufsehen erregten. Die Welle der Entrüstung schlug sogar so hoch, dass selbst die Bild – unter der ungeschickt gewählten Kategorie “Spiele” – über die Kampagne gegen häusliche Gewalt und Gewalt gegen Frauen berichtete. Inhalt der dänischen Online-Kampagne ist tatsächlich eine Spielsequenz, bei der der Spieler in den “Genuss” kommt, eine junge und ziemlich aufgebrachte Frau virtuell zu verprügeln. Für jeden ausgeteilten Schlag, der sichtbare Spuren hinterlässt, erhält man Punkte, die den Spieler vom Weichei (pussy) zu einem “harten” Kerl (gangsta) mutieren lassen und so sicherstellen, dass mit dieser Form einer Belohnung weiter ausgeholt und nicht gezögert wird.

Eine Art Erholung, eine Reflektion und Einsicht – eventuell sogar die Möglichkeit der Entschuldigung oder des Tröstens – gibt es bei dieser immersiven Kampagne nicht. Mit dem ersten Schlag gerät man in eine Einbahnstraße der Gewalt, schließlich fordert die Website auch dazu auf, zu überprüfen wieviel gangsta in einem steckt. Erreicht man das anvisierte Ziel wird aus 100% Gangsta unmittelbar 100% Idiot. Eine Person, die in diesem Sprachmilieu so etwas feststellen und aussprechen würde, würde entweder als Philosoph gelten oder zum nächsten Prügelobjekt werden. Die Lektion der Kampagne ist allerdings die, das man mit dem ersten Schlag schon (das Spiel) verloren hat.

Natürlich ist die Empörung über die vermeintlich billig wirkende Erheischung von Aufmerksamkeit groß. Der Deckmantel Online-Spiel wirkt verniedlichend, die message ist letztlich simpler als die Schlagbewegung. Andererseits belegen diverse Kommentare von hinter den Augen toten Personen, dass tatsächlich auch so etwas plumpes falsch verstanden werden kann. Man sollte aber auch bedenken, dass sich diese Kampagne bestimmt auch nicht an die Leute richtet, die sich von ganzem Herzen darüber empören (möchten), sondern eher an die, die dies unbekümmert erst belustigt und dann nachdenklich aufnehmen.

Update: Das in-game Video wurde bedauerlicherweise von den neuerdings übereifrigen Zensoren bei YouTube entfernt, man versteckt sich dabei hinter Nutzungsbedingungen, denn Gewaltdarstellung in Computerspielen, nein das geht ja nun wirklich nicht. Dieser aufgeweckte und unerschrockene junge Mann gibt dennoch einen Einblick in die Website, die wohl dank Zensur zu einer Legende wird.

Verantwortlich für die Kampagne ist die Børn og Unge Organisation, die Website wurde umgesetzt von Se mor!. Bereits wenige Tage nach dem Launch der Website Mitte November wurde diese für nicht-dänische Besucher gesperrt. Als Grund gab man hierfür den nachweislich immensen Traffic an, den die Website aushalten musste. Das wirkt dennoch etwas fadenscheinig und beinahe wie eine Indizierung für so manches Computerspiel, was gemeinhin die Anziehungskraft eher verstärkt.

Zum Schluss bleibt ein unangenehmer Geschmack zurück – und gar nicht mal der, dass man hier entlang der Grenze des guten Geschmackes operiert, nein vielmehr ist es bitter, wie selbsternannte Gewaltverachter eine Kampagne gegen Gewalt gewaltsam aus dem Feld kritisiert haben. Der Vorhang fällt für die Website wie auch erst einmal für ein wichtiges Thema. Ob Opfern häuslicher Gewalt die Diskussion über die Kampagne letztlich nutzt oder ob es eher das Thema schwerer greifbar und “unbewerbbar” macht ist fraglich. Dass ein junger Mensch seine Gewaltbereitschaft lieber “spielerisch” virtuell als in der Wirklichkeit auf die Probe stellen sollte, bedarf hingegen keiner Diskussion.


Kommentare

  1. [...] Querverweis zu der kontroversen Hit the Bitch Kampagne drängt sich auf, jedoch gehen die Hamburger Dramen bedachter und weniger reißerisch mit [...]


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